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Prokrastination - ist Aufschieberitis Faulheit

Prokrastination – Faulheit als Grund?

Prokrastination – Faulheit als Grund für Aufschieberitis?

Prokrastination - ist Aufschieberitis Faulheit

Prokkrastination, oder auch Aufschieberitis, Drückebergeritis und Bummelei genannt, kennt vermutlich jeder. Ist das ein Ausdruck von Faulheit oder fehlender Fähigkeit sich zu motivieren?

Fehlt es bei Prokrastination an Motivation?

Seit Jahrhunderten predigen sogenannte Experten und Motivationsredner, dass wir den „Feind“ namens Prokrastination um jeden Preis besiegen sollten. Denn wenn wir es nicht schaffen, unsere Faulheit zu überwinden, dann vergeuden wir das Potenzial unseres Lebens.

Das „Morgen ist auch noch ein Tag“ steht im Kampf mit „Was Du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen“.

Was tun wir also?

Wir versuchen jeden Tag, uns noch mehr zu motivieren, um wichtige Dinge zu erledigen. Doch wenn wir den Anfang nicht finden, ausweichen und andere Dinge tun, vielleicht uns mit leichten Nebensächlichkeiten ablenken, also prokrastinieren, dann machen wir uns sehr schnell Vorwürfe und schieben es auf unsere Faulheit. Oder andere tun das.

Ist das nun aber tatsächlich der Zusammenhang? Es ist Faulheit, fehlende Motivation, die uns Dinge aufschieben lässt? Was wäre, wenn es stattdessen eine andere Erklärung dafür gäbe, warum wir prokrastinieren? Wie für so vieles finden die Neurowissenschaften diese anderen Erklärungen in uralten Wirkmechanismen in unserem Gehirn.

Amygdala und Prokratination

Im Jahr 2018 führte ein Forscherteam eine bahnbrechende Studie durch, um die Unterschiede zwischen den Gehirnen von Menschen zu untersuchen, die mit Prokrastination zu kämpfen haben, und denen, die das nicht tun.

Dazu rekrutierten die Forscher 264 Teilnehmer, um bestimmte Aufgaben zu erledigen, und führten anschließend bei jeder Person Gehirnscans durch. Die Ergebnisse waren verblüffend.

Die Forscher entdeckten ein höheres Volumen der Amygdala in den Gehirnen der Teilnehmer, die prokrastinierten, als bei denen, die stärker handlungsorientiert waren. Die Amygdala – ein mandelförmiger Bereich von Neuronen, ist unser Alarmzentrum, welches ständig alles auf mögliche Bedrohungen scannt. Es ist zudem ganz wesentlich für die Verarbeitung unserer Emotionen verantwortlich

Darüber hinaus entdeckten sie, dass die Prokrastinierer schwächere Verbindungen zwischen der Amygdala und einer weiteren Gehirnregion (dem dorsalen anterioren cingulären Kortex) aufwiesen. Diese ist für die Selbststeuerung und Emotionsregulation verantwortlich ist. Menschen, die dazu neigen, Dinge vor sich herzuschieben, haben also tendenziell ein stärker ausgeprägtes Alarmzentrum und eine schlechtere Verbindung zwischen diesem Alarmzentrum und ihrer Fähigkeit sich und ihre Emotionen selbst gut zu regulieren.

Unser Gehirn ist keine statische, unveränderbare Masse. Regionen, die wir häufig nutzen, werden stärker (Neuroplastizität). Und Verbindungen zwischen Regionen – bzw. zwischen Netzwerken – , die zusammen aktiv sind, werden ebenfalls stärker. „Neurons which fire together wire together“ – Neuronen, die zusammen feuern, also aktiv sind, verdrahten sich stärker.

Amygdala-Hijack

Erkennt unser Gehirn – erkennt die Amygdala – eine potenzielle Bedrohung, dann löst sie Alarm aus. Die Stressreaktion setzt ein. Es reicht die Einschätzung als potenzielle (!) Bedrohung. Auch wenn diese sich dann als harmlos und nicht bedrohend herausstellt. Der evolutionäre Grund ist einfach: Besser eine Bedrohung zuviel erkannt und überlebt, als eine Bedrohung nicht erkannt und nicht überlebt.

Heute sind sehr viele Bedrohungen nicht wirklich lebensgefährlich. Unser Gehirn arbeitet aber immer noch nach dem jahrtausendalten, bewährten Muster. Bei einer potenziellen Bedrohung löst die Amygdala den Bedrohungszustand aus und leitete das Notfallprogramm, also die Stressreaktion ein. Im Extremfall wird dann alles auf Flucht, Kampf oder Todstellen ausgerichtet. Die Amygdala „kapert“ die zentralen Steuerungsfunktionen. Man spricht dann vom Amygdala-Hijack.

Davon betroffen sind dann auch Bereiche, die für planerisches Handeln, Analysieren und Priorisieren verantwortlich bzw. notwendig sind. Dann leidet unsere Fähigkeit, an die langfristigen Folgen unserer Handlungen zu denken. Und führt dazu, dass wir die wichtige Aufgabe, um die es aktuell geht, vermeiden, weil sie als Bedrohung für unsere Sicherheit wahrgenommen wird.

Als Belohnung dafür, dass wir der Bedrohung durch das Aufschieben einer uns als groß und schwer erscheinenden Aufgabe entkommen sind, sind wir vorübergehend erleichtert und fühlen uns besser.

Also, anstatt den aufwändigen Bericht endlich anzufangen, diese unangenehme E-Mail jetzt zu beantworten oder das lange fällige Telefonat zu führen, weichen wir auf das Ansehen der Sportergebnisse aus oder suchen uns eine andere Ablenkung.

Doch das hält nicht lange an.

Früher oder später kommen die negativen Emotionen wieder hoch – Selbstzweifel, Angst, Stress und so weiter. Um damit fertig zu werden, prokrastinieren wir weiter bis zur letzten Minute.

Dieser Teufelskreis aus dem Vermeiden negativer Emotionen und dem Belohnen durch Aufschieben und Ablenkung ist es, der Prokrastination von einem einmaligen Verhalten zu einer Gewohnheit, ja zu einer Sucht werden lässt.

 

Für uns ist Prokrastination einfach eine Sache der Faulheit.
Für unser Gehirn jedoch ist es eine Frage von Leben und Tod.
Prokrastination ist das Symptom. Angst ist die Hauptursache.

 

„Mache jeden Tag eine Sache, die dir Angst macht.“ – Mary Schmich, US-amerikanische Journalistin

Angst ist es, nicht Faulheit

Per Definition ist Faulheit die mangelnde Bereitschaft, zu arbeiten oder Energie zu verwenden. Aber die Mehrheit von uns ist grundsätzlich bereit, Dinge zu erledigen. Unter der Oberfläche ist es die Angst – kein Mangel an Motivation oder Willenskraft – die uns davon abhält, unsere Ziele in Angriff zu nehmen. Die Angst nicht gut genug zu sein (Perfektionismus). Oder gar die Angst, auf ganzer Linie zu versagen. Die Angst von anderen schlecht beurteilt zu werden. Die Angst andere oder sich selbst zu enttäuschen. Die Angst abgelehnt zu werden.

Prokrastination ist einfach eine von vielen Bewältigungsstrategien, um zu vermeiden, sich diesen Ängsten zu stellen.

Prokrastination begegnen

Dazu gibt es unzählige Ratgeber. Vielleicht hilft aber gerade dieses entlastende Wissen über den beschriebenen Zusammenhang von Aufschieben und Bedrohung und Angst. Damit sind die Ängste nicht verschwunden. Anstatt zu versuchen, sie loszuwerden, kann man mit diesem Wissen viel leichter beginnen mit ihnen zu tanzen. Und wie das Tanzen, so beginnt auch jede Aufgabe vor uns mit einem ersten Schritt, einer ersten Tat.

Das zahlt dann auf unser Belohnungszentrum im Hirn ein, dem natürlichen Gegenspiele zu Bedrohungsszenarien. Das führt aus dieser Prokrastinations-Spirale heraus.

Achtsamkeit beugt vor

Mit Achtsamkeitspraxis können wir begleitend und vorbeugend noch mehr tun. Wenn wir selbst unser Alarmzentrum durch ständiges aktivieren überproportional haben groß werden lassen, dann können wir diesen Prozess auch wieder umkehren.

Die Amygdala ist wie eine Behörde. Als Reaktion auf mehr Aufgaben erhält die Behörde mehr Personal, wird größer. Mit mehr Personal greift sie dann auf mehr Zuständigkeiten aus. Das zieht wiederum mehr Personal nach sich. Und am Ende gibt es mehr Bescheide, Verordnungen, Bürokratie, als notwendig wäre.

Viele Studien zeigen, dass regelmäßige Achtsamkeitspraxis schon nach kurzer Zeit – viele Untersuchungszeiträume zeigen dies bereits nach etwa 8 Wochen – eine vergrößerte Amygdala wieder verkleinern. Zusätzlich wird die Verbindung, man könnte sagen das rote Telefon zwischen Alarmzentrum und den Zentren für Planung, Analyse und Priorisieren, durch regelmäßige Achtsamkeitspraxis gestärkt. Dann verlieren wir diese für die Selbststeuerung und für unsere kognitiven Prozesse wichtigen Hirnnetzwerke nicht mehr, oder nicht mehr so stark bei einem Amygdala-Hijack. Auch die Fähigkeit Aufmerksamkeit auf einer Tätigkeit zu halten und sich durch Reize und Versuchungen nicht so leicht ablenken zu lassen, ist eines der ersten Resultate von Achtsamkeitstraining. Achtsamkeit wirkt also Prokrastination systematisch entgegen.

 

Was sind deine großen Ängste, die dich davon abhalten, deine Aufgaben und Ziel anzugehen? Wie begegnest du ihnen jetzt und in Zukunft?

 

Zurück zur Übersicht

 

  1. Schlüter et al (2018). The Structural and Functional Signature of Action Control, Psychological Science, 1-11. “Individuals who are state oriented when it comes to initiating actions and therefore tend to hesitate or procrastinate show higher amygdala volume” (p. 5).
  2. Der Ausdruck “amygdala hijack” wurde geprägt von Daniel Goleman in seinem 1995 erschienenen Buch, Emotional Intelligence: Why It Can Matter More Than IQ.
  3. Sirois, Fuschia & A. Pychyl, Timothy. (2013). Procrastination and the Priority of Short-Term Mood Regulation: Consequences for Future Self. Social and Personality Psychology Compass. 7. 115–127.
  4. Hershfield, Hal. (2011). Future self-continuity: How conceptions of the future self transform intertemporal choice. Annals of the New York Academy of Sciences. 1235. 30-43.

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